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London Has Fallen

Abigail Rook Author
Veröffentlicht von Andreas in Allgemeines · 18 November 2020
Tags: Verschwörung
Ich möchte (mal wieder) ein kontroverses Essay schreiben, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich das wirklich tun sollte. Die Zeiten sind nicht die besten für die gepflegte Streitschrift. Jegliche Provokation hat aber angeblich einen positiven Marketingeffekt, sagt man. Nun, diesen werde ich vermutlich nicht bemerken, genauso wenig wie einen etwaigen gegenteiligen Effekt. Dazu müsste das hier erst mal jemand lesen. Deshalb lasse ich es lieber gleich bleiben. Außerdem bin ich im Grunde alles andere als ein Provokateur.

Ich glaube zudem, dass die meisten Leute die Nase voll von diesen Typen haben, die alles ganz genau zu wissen scheinen und deren Meinung erstens sowieso als Definition von “gesundem Menschenverstand” in jedem Lexikon zu stehen hätte, und die zweitens natürlich eh viel schlauer und wacher sind als all die Schlafschafe in unserem Land. Ach, wie gut ginge es unserer Gesellschaft, wenn alles so florieren würde wie die Besserwisserei.

Für einen Autor von Unterhaltungsliteratur ist es in Anbetracht der Lage aber vermutlich besser, die Klappe zu halten, zumindest wenn er nicht wie J.K. Rowling bereits Leser für tausende Durchschnitts-Autorenkarrieren hatte. Denn sollte einer Provokation auch noch das Attribut “politisch” vorstehen, wird es für unseren Autor ganz brenzlig, will er keinen Stress mit dem Verleger riskieren, wie kürzlich Frau Maron mit dem S.-Fischer Verlag. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich ein Freund der Selbstzensur bin! Das Gegenteil ist der Fall.  Weder tut es aus meiner Sicht dem Land gut, dass die moralische Deutungshoheit bei einigen wenigen medialen Meinungswächtern liegt, noch sollte man sich einem politischen Diskurs verwehren, solange es um einen echten Austausch von Argumenten geht und nicht nur ums gegenseitige Anbrüllen. Ob allerdings jeder zu allem eine Meinung haben und diese vor allem in die Welt posaunen sollte, steht auf einem anderen Blatt.

Die Wahrscheinlichkeit eines Rausschmisses ist für mich als Selbstverleger aber zum Glück zu vernachlässigen und ganz unpolitisch sind unsere bisherigen Bücher ja auch nicht gerade gewesen.  Wer “Der Kafir ”oder “Nichts mehr wie es war” gelesen hat, sollte eine ungefähre Vorstellung davon haben, auf welcher Seite ich stehe (falls es so etwas wie ein eindimensionales politisches Spektrum mit zwei Extremen und einer mehr oder weniger breiten Mitte überhaupt noch gibt). Was meine Tochter über meine politische Einstellung denkt, weiß ich im Übrigen nicht und möchte es auch gar nicht im Detail wissen. Vermutlich hält sie mich insgeheim für einen konservativen bis reaktionären Boomer, also eine Kombination aus engstirnig, rassistisch, abwertend und herablassend. Der normale Generationenkonflikt eben. Andere Personen aus meinem näheren familiären Umfeld bezeichnen mich im Streitgespräch hingegen auch gern mal als einen linksversifften Traumtänzer, der mit dem goldenen Löffel im Hintern aufgewachsen ist und keine Ahnung hat, was draußen abgeht. So unterschiedlich können Perspektiven sein.

Wer oder was ich selbst glaube zu sein, kann ich mit zunehmendem Alter immer weniger präzise festlegen. Auf jeden Fall ein Mensch, der sich gern Gedanken über Gott und die Welt macht. Gut, über Gott eher weniger, aber über aktuelle und historische Geschehnisse, Verhaltensweisen, Abläufe. Ich will Zusammenhänge verstehen, um mir ein Urteil bilden zu können. Beurteilung setzt  Kenntnis voraus, deshalb kommen vor dem Verstehen Recherche und Beobachtung. Und Beobachtung ist abhängig vom Standpunkt. Ich gebe zu, dass es mir die Ereignisse der letzten Monate (und Jahre) nicht leicht gemacht haben, immer einen objektiven Beobachterstandpunkt einzunehmen.

Wer jetzt sofort an die Pandemie denkt, liegt falsch. Ich bin Arzt und habe eine recht unverschwurbelte Vorstellung von der aktuellen Bedrohungssituation. Ich störe mich auch nicht an sich widersprechenden Empfehlungen oder ungenauen Prognosen. Das kenne ich alles aus meinem Arbeitsalltag. Fehlende Präzision ist ein Kernproblem der empirischen Wissenschaften. Mit besseren Daten kann man sich der Wahrheit jedoch Stück für Stück annähern, ohne allerdings Anspruch darauf zu haben, dass diese einem am Ende auch in den Kram passt.  Die beste Theorie taugt nur solange etwas, bis sie widerlegt wurde.

Langsam komme ich tatsächlich zum Punkt – man glaubt es nicht.

Wir erleben gerade einen Boom der pseudowissenschaftlichen Behauptung, die sich jeglicher Überprüfung durch “verstärkte Dogmen” entzieht. Dieser von Karl Popper eingeführte Begriff bezeichnet einen eingebauten Mechanismus, der die Theorie gegen Falsifizierung, also Widerlegung, immunisiert. Beispiele hierfür sind alle Heils- und Erweckungslehren und natürlich diverse Verschwörungstheorien. Wie der Mechanismus im Einzelnen greift ist dabei sehr variabel. Viele Religionen machen es sich besonders einfach und Verbieten die Widerlegung (die allerdings bei religiösen Themen aus nachvollziehbaren Gründen auch unmöglich ist). Die Homöopathie hingegen behauptet, dass sie durch Empirie nicht falsifizierbar ist, was die Empirie wiederum durch Falsifizierung der Homöopathie gleich mit widerlegt hat. Und den Verschwörungstheorien ist gemein, dass sie Daten und Fakten, die im Widerspruch stehen, als gefälscht abtun oder gar zum Beweis für die Annahme umdeuten, dass böse Eliten alles beherrschen.

Wer sich allerdings gern über all die Aluhüte lustig macht, die Pseudowissenschaften und Verschwörungserzählungen nachhängen, vergisst eines: unser Verstand liebt diese Denkmuster! Wenn wir von etwas überzeugt sind, suchen wir nach Bestätigung, nicht nach Widerlegung. Was unser Weltbild erschüttert, wird nicht willkommen geheißen, sondern abgelehnt, ja sogar bekämpft.

So sehr ich zum Beispiel den Kopf schüttele über die Menschen, die Donald Trump gewählt haben, so nachvollziehbar ist es für mich, dass sie der Wahlfälschungsbehauptungen ihres Idols verfangen. Das erklärt doch alles! Nur so kann es gewesen sein. Schau dich doch um: wir sind so viele und alle sagen dasselbe!

Alles ist eben eine Frage der Perspektive – meist lässt diese uns aber nur ein Ausschnitt erkennen, ein Teil des Bildes liegt immer im toten Winkel. Ich sollte mich zum Beispiel bezüglich Wahlfälschungs-Hypothese schamvoll an die eigene Nase fassen. Im Jahr 2000 waren die (deutschen) Leitmedien voll von Behauptungen, dass etwas mit den Wahlmaschinen in Florida nicht stimmen könne. Ich war damals auch davon überzeugt. Niemand bei Verstand wählt doch George W. Bush ein zweites Mal! Da konnte nur Betrug im Spiel gewesen sein!

Es waren unbelegte Behauptungen, die auch niemals bewiesen wurden. Nur dass sie damals von demokratischer Seite gestreut wurden. Deren aktuelles Geheul über die Untergrabung der Demokratie sollte man auch in diesem Licht betrachten.

Ein interessanter mathematischer Ansatz zur Einschätzung der Realisierbarkeit von Verschwörungen bietet übrigens Grimes Risikomodell. Es basiert auf eine Wahrscheinlichkeitsanalyse und berechnet auf Basis der notwendigen minimalen Anzahl von Mittätern und –wissern die Zeit bis zur Enttarnung (zum Beispiel durch einen Whistleblower). Die meisten Verschwörungstheorien wären nach wenigen Wochen und Monaten aufgeflogen - und existieren trotzdem schon seit Jahrzehnten, manche sogar seit Jahrtausenden. Die angebliche Wahlfälschungsverschwörung in den USA würde tausende Mittäter benötigen, von der Parteiführung über Planer, lokale Organisatoren bis zu den Wahlbeobachtern und –verantwortlichen. Einer davon würde quatschen, zumal er dann zum Helden der Republikaner stilisiert und vermutlich auch noch anderweitig belohnt werden würde.

Das gilt natürlich auch für andere, aktuell populäre Mythen, von der Impfverschwörung bis zur neuen Weltordnung durch Corona. Es hätte schon längst einen Mitverschwörer gegeben, der sich outen will und die Verschwörung auch BELEGEN kann (Spinner, die einfach nur behaupten, dabei gewesen zu sein, gibt es natürlich immer). Wie man eine Verschwörung wasserdicht belegt, hat uns übrigens ein mutiger junger Mann gezeigt, der jetzt für immer in Russland hockt.

Und noch ein abschließender Satz zu Qanon. Hier bin ich mir nicht sicher, ob die Verfechter dieser Theorie wirklich daran glauben oder sich nur köstlich amüsieren. Das Ganze wirkt eher wie ein Popphänomen als eine waschechte Verschwörung. Zumal die Grundthese, dass die Eliten eine Art Verjüngungselixier aus der Zirbeldrüse von entführten Kindern gewinnen, nicht nur wie aus einem schrottigen Horrorfilm klingt, sondern auch dem bekannten Muster von Verschwörungsmythen widerspricht. Üblicherweise versuchen diese Theorien alternative Erklärungen für beobachtbare Zustände zu liefern. Bei Qanon sucht man diese aber vergebens, oder sehen etwa Bill Gates, Hillary Clinton und Joe Biden wie Menschen aus, die ein Verjüngungselixier gefunden haben? Aber möglicherweise sind die Verschwörer ja ebenfalls einer pseudowissenschaftlichen Behauptung aufgessen.

Am Ende will ich Euch natürlich noch verraten, was es mit dem Titel dieses Essays auf sich hat. Schaut euch diesen Quatsch mit Gerad Butler in der Hauptrolle an. Ja, unbedingt! Ein besseres Beispiel für den hohen Unterhaltungswert von völlig absurden Verschwörungsszenarien gibt es nicht.

Popcorn raus und nicht drüber nachdenken.

In diesem Sinne,
Andreas



1 Kommentar
Durchschnittliche Bewertung: 115.0/5
Ingrid Knopke
2020-11-23 19:36:32
wirklich gut!
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