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Hart aber Fair

Abigail Rook Author
Veröffentlicht von Andreas in Glosse · 29 November 2020
Tags: HartaberFairPlasbergWeiler
Vorweg: es handelt sich bei diesem Text um eine Glosse. Jüngere Leser, die diesen Begriff nicht kennen, können ihn googeln, oder mir glauben: alles was hier steht, ist auch genau so gemeint. Du musst dir aber hinter jeden Satz ein Zwinker-Smiley hinzudenken. Damit wird der Text automatisch zu amtlichem Humor und man darf nix gegen sagen. Steht im Internetgesetz.

Also: Eines langweiligen Abends im Oktober habe ich mich so durch Öffentlich-Rechtliche gezappt und bin bei "Hart aber Fair" hängengeblieben. Das lag nicht an Plasberg, sondern an einem Gast, den ich kannte, aber noch nie im Fernsehen sprechen gehört habe. "Kennen" ist vielleicht etwas hochtrabend. Ich habe zwei Bücher von ihm gelesen, das erste war klasse, das zweite ging so. Neben Menschen, die mir nichts sagten und dem Geronten-Clown Jürgen von der Lippe saß doch tatsächlich “Maria, ihm schmeckts’ nicht!”-Jan Weiler höchst persönlich in der Talkrunde! Er erläuterte gerade dem sich sichtlich an einen anderen Ort wünschenden Plasberg Folgendes: die deutsche Sprache wird durch die zwangsübergestülpte Gendergerechtigkeit verhunzt. Sie wird dadurch unpraktisch und unelegant. Außerdem ist die zwanghafte Doppelbezeichnung von personenbezogenen Nomina diskriminierend, weil sie übergriffig gegenüber Frauen ist. Letzteres hätte ihm mal ein Engländer geantwortet, als er diesem von den Problemen und Lösungsvorschlägen für die vermeintliche fundamentale Geschlechtsasymmetrie der deutschen Sprache erzählte.

Ich habe sofort das vor mir stehende Bier aufgemacht, mich geärgert, dass kein Popcorn im Haus ist und dann gespannt darauf gewartet, wer von den weiblichen Anwesenden ihn als erstes zur Schnecke macht.

Zu meinem Leidwesen geriet die Reaktion viel zu zahm. Weder die Redakteurin einer Feministinnenzeitschrift noch die eloquente Philosophin haben ihn in Stücke gehackt und anschließend kompostiert. Plasberg hat dann auch sofort das Thema zurück zu Rassismus gelenkt, was vor allem den Theologen und den Jürgen zu erleichtern schien. Dabei hätte mich schon interessiert, wie die Damen seine These fachgerecht zerlegen. Das sollte doch ein Leichtes sein, wo in letzter Zeit so viel darüber nachgedacht wurde, sogar ganze Studienrichtungen neu entstanden sind und somit der dialektische Waffenschrank berstend voll sein müsste!

Tja, Chance vertan. Eins zu null für Weiler. Seine These hatte ja auch was, muss ich zugeben. Vor allem fand ich den Blick über den Sprachtellerrand spannend. Die pragmatischen Engländer haben es sich ja wie immer leicht gemacht und können gut reden. Ihre effiziente Sprache hat frühzeitig den ganzen Geschlechts-Ballast über Bord geworfen. Nur Schiffe sind weiblich (vermutlich, weil man sie nicht über Bord werfen kann), alle anderen unbelebten Dinge haben kein Geschlecht. Berufs- und Personenbezeichnungen haben keine geschlechtsspezifischen Varianten, sie sind per Definition neutral, außer der Queen. Na gut, es gibt noch ein paar andere Ausnahmen wie etwa die Stewardess, die Hostess und die Waitress. Die sterben aber aus -- im Gegensatz zur Queen.

"Liebe Leserinnen und Leser" heißt im Englischen schlicht "Dear Readers". Ist das nicht schön? Zumindest schön kurz. Alle fühlen sich angesprochen, weil "the reader" geschlechtslos ist -- Frauen, Männer, sogar Bots, die den Text im Auftrag der Regierung auf kritische Inhalte durchsuchen. Wir Deutschen sollen hingegen die Doppelbezeichnung bevorzugen. So sagt es der mächtige Rat für deutsche Rechtschreibung.

Schuld daran hat das sogenannte generische Maskulinum. Dieser, im eigentlichen Sinne sexusneutrale Genus, überschneidet sich bei Berufs- und Personenbezeichnungen mit der männlichen Variante des natürlichen Geschlechts und kann daher fehlgedeutet werden. So die Theorie der feministischen Sprachforschung. Der Stuhl kann sich beruhigt zurücklehnen, weil er nur ein Stück Holz ist. Der Arzt muss sich hingegen erklären, warum er die Ärztin so schamlos unterdrückt.

Zugegeben sind die meisten Berufsbezeichnungen generisch maskulin und das hat vermutlich durchaus sexistische Gründe. Es waren damals eben Berufe von Männern. Die femininen Varianten mit -in und -euse kamen erst später hinzu. Für einige Personenbezeichnungen haben sich aber offenbar keine weiblichen Formen gefunden. Der Gast darf weiterhin beide Geschlechter repräsentieren. Man hatte wohl schon im Mittelalter auch auf das Geld der Weibsbilder geschielt. Und beim Clown haben die Frauen dankend auf eine eigene Variante verzichtet.
Schaut man sich andere Sprachen an, merkt man, dass es nicht alle so übergenau nehmen wie das Deutsche. Zwar gibt es in den romanischen Sprachfamilien auch geschlechtsspezifische Bezeichnungen, aber bei weitem nicht für alle Berufe. Der Arzt ist il medico, el doctor, le médecin - egal ob weiblich oder männlich. Im Niederländischen meint man mit "de politicus heeft de politicus gekust" nicht zwingend den sozialistischen Bruderkuss. Und ungefähr die Hälfte aller Sprachen dieser Welt kennen überhaupt kein Genus, das Chinesische zudem noch nicht mal ein Wort für Feminismus.

Nachdem mir am Schluss der Sendung ein netter Schwarzafrikaner einleuchtend erklärte, warum es rassistisch sei, ihn als Rassisten zu bezeichnen, nur weil er sein Restaurant “zum Mohrenkopf” genannt hat, der Theologe daraufhin matt etwas von antisemitischen Juden in der AFD erwiderte, ich mir das dritte Bier aufgemacht habe und alle gespannt auf den kruden Bogenschluss zurück zur Flüchtlingsthematik warteten, fiel mir die Lösung wie Schuppen von den Augen!

Die gute, alte –ling Endung!

Weder gibt es eine feminine Variante von Flüchtling, noch von Lehrling oder Liebling. Gut, die meisten –linge sind generisch maskulin, aber neue Wortgebilde müssten das nicht zwingend sein, man könnte sie ja auch als die sächliche Verniedlichungsform ansehen.

Mein Vorschlag lautet also: lasst uns an alle personenbezogenen Bezeichnungen ein –ling dranhängen und sie dann generisch neutralisieren, so wie das –chen aus der jungen Mad ein Mädchen macht, das plötzlich nicht mehr weiblich ist, ob es das will oder nicht.

Ärztlinge würden Patientlinge behandeln. Die Kanzlerin (die natürlich weiblich bleibt, weil sich niemand mehr an die männliche Form erinnern kann) könnte bei der Neujahrsansprache alle Bürgerlinge mit einem Wort ansprechen, und Feministlinge könnten sich nicht mehr über das sexistische, androzentrische Deutsche aufregen.

Das wär doch was, liebe Leserlinge, oder?

Euer Schreiberling







1 Kommentar
Durchschnittliche Bewertung: 114.0/5
FWH
2020-12-01 17:56:16
Nett und treffend geschrieben. Wobei ich allerdings lieber Holzhacken ginge, als mir solche Sendungen anzusehen.
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