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Dornhein

Abigail Rook Author
Veröffentlicht von Abigail Rook in Leseprobe · 10 April 2021
Tags: Jugendkrimi
TEIL 1: Haifischbecken
 
 
Zugestellt am 13. Juni 2020, 15:04 Uhr
 
 
Ich muss mit dir reden.
Ich hab etwas herausgefunden, das alles ändern könnte.
Und es gefällt mir ganz und gar nicht.
Wir treffen uns 20 Uhr hinter der Schule, dann erzähl ich dir Genaueres.
 
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Man sollte meinen, es wäre zu spät, um die absolute Krise zu kriegen. In Wahrheit gab es dafür keinen passenderen Zeitpunkt als jetzt. Den Moment, in dem sich das Gebäude vor ihm in voller Größe auftat.
 
Jetzt wusste Jonas, dass es vorbei war, dass es kein Zurück mehr geben würde. Als noch Jahre, Monate, Wochen dazwischen gelegen hatten, war es so einfach gewesen, sich abzulenken, nicht daran zu denken. Doch dann waren es nur noch zwei Tage.
 
Und plötzlich war nichts mehr leicht.
 
„Schön, dass Sie angekommen sind, Herr Hager.“
 
Eine hochgewachsene Frau, die durch eine Hochsteckfrisur und Stöckelschuhe zusätzlich in die Länge gezogen wirkte, gab seinem Vater die Hand. Ihr Lippenstift-Lächeln war das kälteste, das Jonas je gesehen hatte.
 
„Ich kann Ihnen versichern, wir sind sehr gespannt darauf, wie Ihr Sohn sich hier entwickeln wird.“
 
Schon witzig, irgendwie, wenn von einem in der dritten Person gesprochen wurde, obwohl man anwesend war. Vor allem, weil das eine Sache war, die Jonas seit dem Kindergarten und bis jetzt so kurz vor der zehnten Klasse begleitete. Das war, neben den allgemeinen Nebenwirkungen des Kinder- und Jugendlichendaseins, darauf zurückzuführen, dass er mit seinem dunklen Teint, schwarzen, buschigen Haaren und dunkelbraunen Augen sofort als „anders“ abgestempelt wurde. Selbst, wenn er mit seinem weißen Vater unterwegs war – denn der war nicht angesehen genug, um ihn vor den wertenden Blicken anderer abzuschirmen.
 
In solchen Momenten vermisste er seine Mutter. Mehr noch als er es schon die letzten zehn Jahre lang tat, seit der verdammte Krebs sie ihm weggenommen hatte. Sie war immer mit erhobenem Haupt den Leuten entgegengetreten, die sie wegen ihrer schwarzen Hautfarbe blöd anmachten. Sie hatte sich nie von irgendwem kleinkriegen lassen. Stark und stolz -- das war zumindest sein Lieblingsbild von ihr, das seine wenigen und immer mehr verblassenden Erinnerungen noch preisgaben. Jonas wusste, wenn sie jetzt dastünde, hier neben ihm, mit ihrer souveränen Art und ihm sagte, wie stolz sie auch auf ihn sei, dass er es diesen reichen weißen Schnöseln zeigen würde – dann würde er ihr das glauben.
 
Doch sie war nicht hier. Und Jonas wollte auch nicht hier sein.
 
„Wir sind Ihnen sehr dankbar, diese Chance zu bekommen, Frau von Kemler“, erwiderte Markus Hager in seiner besten Business-Manier – gerader Rücken, seriöse Mimik, gefasste Stimme. Wie es sich für den Inhaber eines Geschäfts gehörte. Selbst, wenn es nur ein winziger, kaum besuchter Blumenladen in einer Seitenstraße Münchens war. „Mein Neffe ist schließlich ebenfalls hier untergekommen, und von meiner Schwester habe ich schon sehr viel Gutes über diese Schule gehört.“ Dabei zog er seine Mundwinkel ein wenig in die Höhe, offenbar in der Hoffnung, dass die stellvertretende Direktorin es ihm gleichtat, doch diese Art von sozialer Empfänglichkeit schien sie nicht zu besitzen. Jonas wusste nicht, weshalb sein Vater den Sohn seiner Schwester erwähnt hatte, mit der er seit Jahren zerstritten war, doch er sparte sich die mentale Kapazität, darüber nachzudenken.
 
Herr Hager wirkte zunächst irritiert über Frau von Remlers versteinerten Gesichtsausdruck, doch dann räusperte er sich und sagte: „Hmm, ja. Ähm… Wie auch immer.“
 
Das, dachte Jonas, war das Lustigste, was er heute erlebt hatte. Kein Brüller, aber immerhin amüsant, wie ein verwehrtes Lächeln die Zuversicht seines Vaters erschüttern konnte – für einen Außenstehenden vielleicht unbemerkbar --, doch Jonas kannte ihn seit seiner Geburt.
 
„Ich nehme an, wir haben durch unsere verspätete Ankunft Ihren Zeitplan durcheinandergebracht. Ich bitte nochmals um Entschuldigung. Ich habe alle Formulare schon ausgefüllt. Sie müssen sie nur noch gegenzeichnen“, fuhr er fort, als hätte es seine kurze Unsicherheit gar nicht gegeben. Jonas seufzte leise. Wäre auch zu schön gewesen.
 
Frau von Kemler sah seinen Vater mit unbewegter Miene an. „Dann folgen Sie mir bitte ins Sekretariat.“
 
Er lief hintern den beiden auf das Schulgebäude zu und spürte, wie in ihm Übelkeit aufstieg.
 
Erst jetzt erlaubte er sich, einen genauen Blick auf den riesigen Glaskasten zu werfen, vor dem sie nun standen, und wusste, er hatte verloren. Hunderte verspiegelte Fenster starrten ihn an, links und rechts flankiert von Monstern aus grauem Beton, die sich in seine Richtung zu neigen schienen als würden sie ihm drohen.  Als würden sie sagen:  Verschwinde, Kleiner! Du gehörst hier nicht hin. Du bist keiner von uns. Die geschlossenen Glasbrücken zwischen den Gebäuden sahen aus wie Arme, die sie sich um die Schultern gelegt hatten. Wie eine Rugby-Mannschaft vor dem Anpfiff. Wir gegen euch. Gegen dich, Jonas.  Die rechte Seite des Hauptgebäudes hatte seltsame schwarze Schatten über den Fenstern. Fast wie eine Kriegsbemalung – doch das Gebäude hatte sich ja wohl kaum selbst bemalt, um ihn einzuschüchtern, oder doch?
 
Er kniff die Augen zusammen, versuchte die schwarzen Ränder, die wie Augenbrauen aussahen, zu deuten. Sie waren unregelmäßig dick, unscharf, ausgefranst. Rußschatten, hinterlassen von einem lodernden Feuer. Es musste einen Brand gegeben haben!
 
Diese Erkenntnis machte Jonas jedoch keine Angst, im Gegenteil, seine Anspannung ließ sogar etwas nach. Aus einer Drohkulisse wurde ein Zeichen der Schwäche. Aus einer Kriegsbemalung ein blaues Auge. Er hatte nichts von einem Brand gehört, doch wusste er generell nicht viel über diesen Ort.
 
„Ihr Sohn wird in der Zeit eine Schulrundgang machen.“
 
„Ach, wird er das?“, konnte sich Jonas nicht verkneifen zu bemerken, worauf Frau stellvertretende Direktorin ihn tatsächlich ansah. In einem Versuch der Beschwichtigung hob er die Schultern. „Ich dachte nur, dass ich mich allein nur verlaufe.“
 
Jonas“, zischte Herr Hager mahnend. Frau von Kemlers Mundwinkel zuckten, die Lippen wurden zu Strichen, dann formten sie sich zu einem Haifischlächeln.
 
„Felicitas wird dich begleiten, ich schicke sie gleich zu dir. Wenn Sie mir dann folgen würden, Herr Hager?“ Trotz des direkten Blickkontakts hatte es diese Frau geschafft, über Jonas hinweg zu reden, als wäre er Luft. Respekt.
 
„Ach so, wenn Felicitas das macht, dann ist ja alles klar“, sagte Jonas und blickte Frau von Kemler grinsend an.
 
Keine Reaktion. Nicht mal ein Zucken.
 
Ok, seine Schlagfertigkeit war auch schon mal besser. Er musste vermutlich damit klarkommen, dass die Leute hier tatsächlich so hießen. Felicitas war seltsam, aber so schräg nun auch wieder nicht. Sie hätte auch Guinevere oder so heißen können.
 
Herr Hager schien mitbekommen zu haben, dass sein Sohn den Aufmüpfigen gab, denn er warf ihm einen Seitenblick zu, der bedeutete: Sei froh, dass ich zu beherrscht bin, um dir nicht vor aller Welt eine zu klatschen, sagte dann aber nur: „Nimm bitte die Hände aus den Taschen.“ Jonas überlegte einen Moment, ob er salutieren sollte. Das war ihm aber dann doch zu doof. Er gab auf.
 
Er fand sich damit ab, vor einer geschlossenen Tür auf irgendeine Frau mit albern abgehoben klingendem Vornamen zu warten, um von ihr durch das Gebäude geführt zu werden, in dem er von nun an auch wohnen würde. Er war schon schlimm genug, in einer Schule wohnen zu müssen. Musste die auch noch mit stinkreichen Snobs gefüllt sein? Er hatte sich damit abgefunden. Glücklich war er darüber allerdings ganz und gar nicht.
 
Der Gedanke, aufs Klo zu gehen und einfach nicht wieder zurückzukommen, gewann gerade an Attraktivität, da öffnete sich die Tür, vor der er stand, und ein Mädchen trat heraus. Es hatte ungewöhnlich tiefschwarzes, lockiges Haar, tiefblaue Augen – als wären bei ihm nur Farben in Reinform erlaubt – und einen etwas erstaunten Blick auf seinem runden Gesicht, der jedoch kaum eine Sekunde später verflogen war.
 
„Hi“, sagte Jonas. Zu mehr war sein Verstand gerade nicht in der Lage.
 
Das Mädchen zog die Winkel seiner rosa Lippen leicht nach oben, was, anders als bei Frau stellvertretende Direktorin, nicht gezwungen und verkrampft wirkte. Vielleicht, wagte Jonas zu denken, war sie ja tatsächlich nur freundlich. Doch er zwang sich sofort, seine Erwartungen wieder herunterzuschrauben.
 
„Du bist Jonas, oder?“, fragte die Schwarzhaarige, wobei ihr leichtes Lächeln nicht verflog.
„Der einzig Wahre“, rutschte es Jonas heraus. Das war eine Art Schutzreflex – ironische Antworten geben, wenn er nicht wusste, was er sonst sagen sollte. Hatte nicht immer die erwünschte Wirkung. „’Tschuldigung“, fügte er also noch ein wenig verlegen hinzu und entschied sich sogar, die Hände aus den Jackentaschen zu nehmen. „War nicht lustig. Ähm, ja, das bin ich. Und du bist Felicitas?“
 
„Genau. Aber die meisten sagen Feli zu mir, was mir auch etwas lieber ist, um ehrlich zu sein.“ Sie nickte ihn kurz an und zuckte mit den Schultern, lächelte dabei ein noch freundlicheres, ehrlicheres Lächeln als zuvor, bei dem sich Grübchen auf ihren Wangen bildeten und ihre Augen eine Art sanften Glanz anzunehmen schienen.
 
„Dann wollen wir doch mal loslegen.“
 
„Bereit, wenn du’s bist“, erwiderte Jonas. Er unterdrückte ein Seufzen. Es war schon schwierig genug, sich mit neuen Leuten auseinander zu setzen – selbst, wenn sie ihm nicht die teuersten Anwälte der Welt auf den Hals hetzten konnten, sobald er etwas Falsches sagte. Und dass diese Feli neben ihrem schicken Namen auch noch übernatürlich hübsch war, gab ihm keine zusätzliches Selbstvertrauen.
 
Er war sich sicher, dass er noch nie jemanden getroffen hatte, der eine annähernd bildschöne Ausstrahlung hatte – und dabei nicht nur durch ihr rundes Gesicht oder ihre dunklen, geraden Augenbrauen, die mit Sicherheit selbst hier den Schönheitsidealen entsprachen. Ihr gesamtes Bild, ihr Auftreten, alles versprühte eine Eleganz, die man in der realen Welt nicht finden konnte. An ihr wirkten der schwarze Faltenrock, das weiße Hemd und das dunkelblaue Jackett nicht so dämlich, wie die männliche Schuluniform an ihm selbst, was der Spiegel heute Morgen unmissverständlich bewiesen hatte. Sie saß an ihr erstens wie angegossen und war zweitens todschick. Und das, obwohl sie nicht gerade gertenschlank war, sondern ziemlich … rund. Es stand ihr einfach.
 
Feli erzählte etwas über die Schule, wie sie ursprünglich am Bodensee lokalisiert war, aber unglücklicherweise geschlossen werden musste, bis sie dann 1998 hier am Rande Berlins wieder eröffnet wurde. Das Internat, das damals noch den Namen „Dornhein“ trug, hieß jetzt offiziell „Rainer-Maria-Rilke-Internat mit gymnasiastischer Auslegung Berlin-Ost“. Allerdings waren die meisten mit ihrem Abi fertig, bevor sie das zu Ende gesprochen hatte, weshalb die Schule immer noch Dornhein genannt wurde.
 
„Das war der Name des Ortes, in dem die Schule ursprünglich gestanden hat“, erklärte Feli. „Sie hat sich in einem Burgschloss befunden, das jetzt wieder leer steht.“
 
„Und das wurde dann so über Generationen weitergegeben, oder wie?“
 
„Vielen gefällt der Name Dornhein, eben wegen seiner adligen Vergangenheit. Andere wollen einen einfachen und kompakten Namen für die Schule, wenn sie von ihr reden“, sagte Feli. Jonas selbst stellte gerade fest, dass ihm der Name ebenfalls zusagte. „Dornhein“ hatte genau den richtigen Klang von Schmerz und Verdammnis.
 
Da fiel ihm etwas ein, was schon eine Weile durch seinen Kopf schwirrte: „Hat es hier gebrannt?“
 
Feli sah kurz irritiert über den abrupten Themenwechsel zu ihm hinüber. „Ja. Direkt vor den Sommerferien, im Ostflügel. Es hat einen technischen Fehler in der Bibliothek gegeben.“ Weiteres hatte sie dazu nicht zu sagen, und Jonas war dann doch nicht so interessiert, dass er nachhaken wollte.
 
Irgendwann klinkte er sich gedanklich aus, um die Innenarchitektur zu betrachten – und Feli ebenfalls, musste er sich eingestehen. Es war ihm unangenehm, sich immer wieder dabei zu erwischen, ihre perfekt fallenden Locken beim Hüpfen zu beobachten, wie sie es bei jedem ihrer Schritte taten, oder ihre Haltung, die so kerzengerade war, dass er ohne es zu wollen selbst die Schultern zurücknahm.
 
„… treffen wir uns morgen in der ersten Stunde zur Ansprache der Direktorin am Schuljahresbeginn“, beendete Feli gerade ihren Satz, was das erste war, das Jonas nach seiner kurzen Trance wieder aufnahm. Sehr unpraktisch, da Feli offenbar zu den wichtigen Informationen gekommen war, ohne dass er es mitbekommen hatte.
 
„Äh … ’tschuldige, was war das Letzte?“ Er räusperte sich anschließend und versteckte die Hände in den Tasche. Die Verlegenheit konnte er darin aber nicht verstecken.
 
Feli schien sich zwar nichts anmerken lassen zu wollen, dennoch hob sie ihre Augenbraue auf eine vielsagende Art, und wiederholte: „Die Aula, vor der wir hier gerade stehen, da wird sich morgen die ganze Schule eine Ansprache von Frau Waack anhören. Vor der ersten Stunde solltest du hier sein, um dieselbe Zeit wie an gewöhnlichen Unterrichtstagen auch, aber keine Sorge. Hier ist es ziemlich schwer, zu spät zu kommen.“
 
„Oh, okay“, antwortete Jonas noch bevor er darüber nachdenken konnte, was das bedeuten sollte. „Äh … danke.“
 
Feli warf ihm einen amüsierten Blick zu, dann ihren Kopf in den Nacken. Sie lachte. Ein glockenhelles, elegantes Lachen. Entweder war es also nicht echt oder sie war eine Art überirdisches Engelswesen. Dennoch glitzerten ihre Augen vergnügt als sie wieder zu ihm aufsah. „Nichts zu danken, es ist schließlich meine Aufgabe – neue Schüler zu unterstützen.“
 
„Oh. Ach so“, antwortete er und wollte eigentlich „schade“ sagen. Hatte er wirklich gedacht, dass sie nur für ihn hier war?
 
Feli zuckte mit den Schultern. „Was dachtest du denn, wie ich zu dieser Ehre gekommen bin?“
 
„Keine Ahnung. Ich hatte irgendwie angenommen, du saßt nur zur falschen Zeit im Sekretariat rum.“
 
Sie blickte ihn mit gehobener Augenbraue an. Dann begann sie, die Fächern aufzuzählen, die hier unterrichtet wurden. Jonas Interesse sank schon als sie „Französisch“ nur erwähnte.
 
„Weißt du, was mich wirklich mal interessieren würde?“, unterbrach Jonas sie. Wieder warf Feli ihm einen fragenden Blick mit gehobener Augenbraue zu. Zugegeben, darin war sie ziemlich gut. „Wo’s hier Toiletten gibt. Ich meine, ihr habt doch welche, oder …?“
 
„… keine Ahnung“, erwiderte Feli und Jonas konnte wieder nicht sagen, ob das ironisch gemeint sein sollte. „Versuch’s mal da hinten im Gang.“
 
„Alles klar, ich danke dir.“
 
Und das tat er wirklich, denn es gab ihm die Gelegenheit, kurz für sich zu sein. Feli schien zwar nett zu sein, aber er verlor mit jeder Minute einen Nerv mehr an dieser Schule. Höchstwahrscheinlich lag es noch nicht einmal an der Schule selbst, sondern daran, dass er unfreiwillig hier war und ganz schön lange bleiben musste. So lange, dass er noch hundert und wer weiß wie viel mal diese blöden Gänge entlang zum Klo laufen musste, die sich so dermaßen in die Länge zogen, dass Jonas’ Schritte immer ausgreifender wurden, da er sonst überhaupt nicht mehr das Gefühl hatte, vorwärts zu kommen.
 
Obwohl die Außenwand des Gebäudes aus Glas bestand, war es hier drinnen dunkel. Tatsächlich war der Trakt so breit, dass einige Gänge parallel zu verlaufen schienen, was Jonas zum Kotzen fand. Genau wie die Porträts an den Wänden hauptsächlich alte weiße Männer abbildeten, die streng auf ihn hinunter starrten. Vielleicht meinte Feli genau das damit, als sie sagte, es wäre schwer, zu spät zu kommen. Weil die früheren Schulleiter von den Wänden auf dich herabschauten, als würden sie jeden Moment aus dem Bilderrahmen springen und deine Seele fressen.
 
Es wirkte wie ein Bühnenbild von Harry Potters Zauberschule, allerdings eines zeitgenössischen Hogwarts aus Beton und Glas.
Und in diesem Moment lief er direkt in Draco Malfoy hinein.
 
Wie er und der weißhaarige Typ, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, es geschafft hatten, auf einem leeren, sechs Meter breiten Gang ineinander zu rennen, war verblüffend, wie Jonas auch beim später darüber Nachdenken noch fand. Zu erwähnen war allerdings auch, dass dem Fremden dabei sein Handy aus der Hand flog. Das erklärte aber nur einen Teil des Mysterium,
 
„Verdammte Scheiße“, fluchte Draco und stieß Jonas weg, ehe der überhaupt realisieren konnte, wieso seine Schulter wehtat. „Kannst du nicht aufpassen, wo du hinrennst?!“
 
„Wieso ich? Du bist doch in mich reingelaufen!“ Er wusste selbst, wie blöd es war, einen Streit vom Zaun zu brechen, noch bevor er offiziell Schüler dieser Schule war. Nur hatte er generell keine gute Laune und noch weniger Lust, sich vom Erstbesten gleich anpissen zu lassen. Besonders, wenn der gerade mal einssechzig groß war und aussah, als wäre er seine eigene Karikatur.
 
Dracos angeekelter Gesichtsausdruck wandelte sich um in ein Grinsen -- ein so fieses, dass Jonas beinahe einen Schritt zurückgewichen wäre. „Du bist neu hier, kann das sein?“, fragte Draco, nein, zischte es wie eine Schlange. Der Typ hatte definitiv etwas Surreales an sich, auf eine sehr unangenehme Art und Weise.
 
Obwohl er es für eine rhetorische Frage hielt, antwortete Jonas: „Ja?“ Im Sinne von, Ja und? Was hat das mit dir zu tun?
 
„Tja“, sagte Draco nur, während er ein paar Schritte rückwärts ging, ohne den Augenkontakt mit Jonas nicht abzubrechen, „vielleicht solltest du in nächster Zeit besser mal die Klappe halten, wenn du nicht weißt, mit wem zu sprichst, sonst fährst du nächste Woche wieder nach Hause.“
 
Daraufhin drehte er sich abrupt um und lief in Richtung Treppenhaus weiter. Eigentlich rannte er fast. Offenbar hatte er es eilig, wegzukommen – oder irgendwohin zu kommen.
 
Sonst fährst du nächste Woche wieder nach Hause. Jonas würde sagen, dass das wie eine schwache Drohung klang. Vielleicht sollte dieser Draco-Kerl selbst nicht so vorlaut sein, wenn er nicht wusste, mit wem er sprach. Schade, dass er schon zu weit weg war, um ihm das noch an den Kopf zu werfen.

„Die Direktorin wird dich noch sprechen wollen“, begrüßte Feli ihn zurück, nachdem Jonas tatsächlich auf der Toilette gewesen war. Kein schlechtes Klo, sehr hygienisch. Die Seife hat funktioniert, es gab Handtücher und Klopapier – trotzdem hatte er von so einer Eliteeinrichtung mehr erwartet. Eine musikalische Untermalung, vielleicht, oder wenigstens aufmunternde Sinnsprüche an den Wänden. Aber vielleicht war man hier nicht der Meinung, dass Toilettennutzung nicht der Lebensfreude diente. Darüber ließ sich streiten, wie Jonas fand, allerdings hatte er ja gerade noch mit sich selbst ausgemacht, dass er nicht streiten wollte.
 
„Okay“, sagte er und erwartete schon fast, dass Feli wieder auf diese wertende Art ihre Augenbraue nach oben ziehen würde, doch das blieb aus.
 
„Tja dann“, sagte sie, „wäre ich fertig. Danke, dass du so aufmerksam zugehört hast. Dann wirst du die Kontrollfragen der Direktorin leicht beantworten können.“ Als sie Jonas’ geschockten Gesichtsausdruck sah, grinste sie und sagte: „Nur ein Scherz“, was etwas war, das Jonas nicht erwartet hätte, aber er kannte sie auch erst seit etwa einer halben Stunde. Es waren ihm wie mindestens drei ganze vorgekommen.
 
„Witzig“, brummte er, weil ihm keine schlagfertige Antwort einfiel, und fand sofort, dass er wie der letzte Vollidiot rüberkam – ständig den sarkastischen Großmeister heraushängen lassen und dann bei so einem kleinen Scherz die beleidigte Leberwurst spielen.
 
„Ich dachte, du wärst so ein Spaßvogel“, antwortete Feli. „Zum Sekretariat zurück kann ich dich bringen, obwohl du den Weg bestimmt noch kennst. Du hast ja so gut aufgepasst.“
 
„Mann, was bist du? ’Ne Lehrerin?“ Um seinen Worten an Schroffheit zu nehmen, versuchte Jonas sich an einem schiefen Grinsen.
 
„Schon gut“, sagte Feli und dann nichts mehr.
 
Jonas war sich sicher, dass er es verdorben hatte, was schade war, da es vermutlich nicht so viele nette Leute an dieser Schule gab. Da war es alles andere als schlau, sich als allererstes einen Ruf als arroganten Blödmann einzuhandeln. Starke Leistung. Vielleicht sollte er Draco fragen, was genau er tun musste, um möglichst schnell und möglichst unverhandelbar rausgeschmissen zu werden. Der schien sich damit auszukennen.
 
Vor dem Sekretariat wartete man schon auf die beiden.
 
„Du wirst noch mit der Direktorin sprechen“, begrüßte ihn sein Vater. Witzig, das schien hier zur Grußformel zu werden.
 
„Ja“, sagte Jonas und achtete darauf, die Hände in den Taschen zu behalten. „Wird sie noch entscheiden, ob sie mich vielleicht doch nicht reinlässt? Vielleicht findet sie ja meine Nase komisch, oder sowas –“
 
„Er ist ein richtiger Spaßvogel“, sagte Feli und imitierte dabei offenbar Jonas mürrische Stimmlage. Er schielte zu ihr hinüber. Sie sah unbeirrt geradeaus, schien dabei aber ein Lächeln zu unterdrücken. Na schön. Vielleicht hatte er es sich ja doch noch nicht verdorben.
 
Zumindest nicht mit ihr, denn sein Vater war von dem, was Jonas heute den ganzen Tag so von sich gab, augenscheinlich alles andere als angetan. „Jonas“, zischte er, wobei eine gefährliche Schärfe in seiner sonst so bemüht beherrschten Stimme lag, „du wirst dich bei Frau Waack vorstellen, weil man das so macht, in Ordnung? Weil du neu in eine schon bestehende Jahrgangsstufe aufgenommen wurdest, was nicht selbstverständlich ist, also wirst du dich dankbar zeigen, wie sich das gehört, verstanden? Weil das hier eine Ehre für dich ist.“
 
„Eine Ehre!“, äffte Jonas nach. Es gab eine Menge Dinge, die ihm dazu einfielen. Warum es eine Ehre sein sollte, von seinem eigenen Vater abgeschoben zu werden, in eine Anstalt voller weißer Snobs, die ihn sowieso nie als irgendwas anderes als einen beschissenen Fußabtreter ansehen würden. Jetzt war die Gelegenheit für Widerstand. Zu zeigen, dass er wirklich und absolut überhaupt keinen Bock auf diesen ganzen Mist hier hatte, und dass die Tatsache, dass er nicht einmal gefragt wurde, die Krönung von allem war. Dann konnte auch diese komische Vizedirektorin erkennen, dass er sich hier niemals anpassen würde, wie sie das offenbar alle voraussetzten. Er ballte seine Hände zu Fäusten und atmete tief ein. Dann nahm er sie aus den Taschen und sagte: „Verstanden. Vater.“
 
„Gehen Sie bitte zurück in die Schlafsäle“, wies Frau von Kemler Feli an. Das gruseliges Haifisch-Lächeln war verschwunden und einer starren, neutralen Maske gewichen.
 
Feli gehorchte, wandte sich vorher jedoch noch einmal an Jonas und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln „Das wird schon“, sagte sie, drehte sie sich um und verschwand im Treppenhaus. Jonas konnte ihr nur hinterhersehen und sich wünschen, sie hätte ihn nicht im Haifischbecken allein zurückgelassen.
 
„Die Schulleitung ist zurzeit im zweiten Stock, wir mussten kurzfristig umziehen“, erklärte Frau von Kemler seinem Vater.
 
„Wieso?“, fragte Jonas. Das interessierte ihn wirklich. Hatte es was mit dem Brand zu tun?
 
Die stellvertretende Direktorin sah ihn daraufhin an, zum ersten Mal direkt, seit er hier angekommen war, und fragte: „Wieso nicht?“
 
In diesem Moment entschied Jonas, dass er es keine Woche hier aushalten würde.
 
 

 
 
 
 
 
 
 



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