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Åh Sverige

Abigail Rook Author
Veröffentlicht von Andreas in Glosse · 18 April 2021
Tags: Schweden
2020, das Jahr der großen Ereignisse und Umbrüche.
 
Was ist nicht alles passiert in diesem Jahr! Ein böser alter weißer Mann wurde von einem netten, leicht tüdeligen alten weißen Mann an der Spitze der USA abgelöst, was andere weiße Männer zu Fackeln und Mistgabeln greifen ließ. Eine Fledermaus hat sich nicht an die Hygieneregeln gehalten, bevor sie im Suppentopf landete. Die Chinesen wollten das verheimlichen, wie sie alles verheimlichen, auch, dass sie später im Jahr die alte Mondflagge von Neil Armstrong durch einen roten Plastikwimpel ausgetauscht haben.



James Bond ist im hohen Alter verstorben und Deutschland hat nicht nur einen großen Feuerstein verloren. Wir alle haben in diesem Jahr etwas verloren. Viele das Leben, andere die Existenzgrundlage, fast alle die Geduld und einige 10.000 den Verstand.
 
Ja, und Schweden hat seine Unschuld verloren.
 
Das rot-grün regierte Vorzeigeland für Menschenrechte und Demokratie hat beschlossen, dass Survival of the Fittest die beste gesundheitspolitische Strategie ist und sich damit die Liebe einer Partei braun-weißer alter Männer in Deutschland verdient.
 
Eine Liebe, die unerschütterlich ist, egal was die unnützen und überbezahlten Epidemiologen und Gesundheitsapostel sagen. Schweden hat in den Augen der AFD bewiesen, dass nur Alte sterben, die alle längst schon tot sein sollten und Masken lediglich den Mundgeruch leicht abschwächen.
 
Wenn Deutschland nur den Mumm gehabt hätte, die Pandemie wie Schweden auszusitzen! Wir stünden besser da. Definitiv. Aber sowas von!
 
So aber sind wir zur Diktatur verkommen, werden gegängelt und bevormundet, müssen nachts im eigenen Bett schlafen und dürfen nur noch dann öffentlich Polonaise tanzen, wenn wir von der Polizei als bürgerliche Mitte angesehen werden.
 
Kurz, das Jahr 2020 hat Schweden zwar den Nimbus des Gutmenschentums genommen, aber einen Freiheitsmythos erschaffen.
 
Ein Mythos, gegen den man kaum argumentieren kann, egal wie steil die Kurven und valide die Daten sind. Ich hab’s versucht, glaubt mir. Nicht nur einmal.
 
Mit der Todesstatistik braucht man den Schweden-Jüngern gar nicht erst kommen. Das Anderthalbfache der deutschen Corona-Letalität? Geschenkt! Alle uralt und schau dir Frankreich an. Belgien, Italien.  Auch die Inzidenzen werden nur belächelt. 600? Na und? Es sterben doch gerade prozentual genauso viele Schweden an Corona wie Deutsche und die Krankenhäuser sind auch nicht viel voller.
 
Man beißt sich die Zähne aus, wenn man die Schweden-Fans missionieren will und zweifelt am Ende an der eigenen Argumentation. Vielleicht haben sie ja doch recht? Ein bisschen nur. Könnte es nicht sein, dass...
 
Ich habe mich tatsächlich dabei ertappt, die Möglichkeit einzuräumen, dass Anders Tegnell, Schwedens oberster Drosten, recht haben könnte. Dass auch in Deutschland ein Laissez-faire ein gangbarer Weg gewesen wäre.
 
Doch dann habe ich quergedacht, den Kopf eingeschaltet, die Augen geöffnet. Bin aufgewacht und hab selbst recherchiert. Eins und eins zusammengezählt. Was man so halt macht, wenn man zu den Durchblickern gehört.
 
Ich weiß jetzt, wie Deutschland im Februar 2021 ausgesehen hätte, wenn Hendrik Streek sich damals auf Christian Drostens Posten beworben und die Bewerbungsunterlagen seines Konkurrenten vorher vorsorglich aus dem Briefkasten gefischt hätte!
 
Wir wären das Land mit den meisten Coronatoten, dem dysfunktionalsten Gesundheitssystem und der kaputtesten Regierung in Europa geworden und das trotz harter italienischer und britischer Konkurrenz.
 
Ich will Euch verraten, wie ich zu dieser Erkenntnis gekommen bin.
 
Zuerst habe ich mir alle Fakten zum schwedischen Pandemieverlauf zusammengesucht. Da gibt es recht viel, weil das Land ja, wie geschrieben, im internationalen Fokus steht. Sogar eine Wikipedia Seite wurde hierzu erstellt.
 
Die nackten Zahlen klingen erst mal nicht so eindrucksvoll, verglichen mit Deutschland: 900000 Infizierte, 14000 Tote.
 
Nun hat Schweden allerdings nur rund 10 Millionen Einwohner. Deutschland ist also 8,3x größer. Angepasst würde das für Deutschland also 7,47 Millionen Infizierte und 116200 Tote bedeutet. Wir haben aber “nur” 3,1 Millionen Infizierte und 80.000 Tote. Unsere Coronapolitik hat also ca. 36000 Menschen das Leben gerettet und 4,3 Millionen vor einer möglichen Long-Covid Erkrankung bewahrt.



So weit, so bekannt. Nur stimmt diese simple Hochrechnung auch? Hätten wir wirklich nur gerade mal 45% mehr Tote?
 
Ich meine nein, denn es gibt noch andere Dinge zu beachten.
 
Hier meine kleine Rechnung:
 
70% der Corona-Toten in Schweden waren 80 Jahre und älter, also 9800 von 14000.


Diese Altersgruppe macht in Schweden rund 5,3% der Gesamtbevölkerung aus und war 2020 532000 Einwohner stark. In dieser Gruppe sind also während dieser Pandemie 1,9% bereits an Covid verstorben.



 
 
Die Covid-Letalität bei sehr alten Patienten ist hoch. Sie liegt zwischen 7-22% und wird über die gesamte Altersgruppe mit 14,8% angegeben
 
Nimmt man diese Prozentzahl als Grundlage, kann man den Anteil der bereits Infizierten Oktogenarier in Schweden berechnen. Es sind 66.216 Personen, also 12,6% aller 80+ jährigen.
 
Schon ganz schön viele, oder?
 
Unter der Annahme, dass ähnliche Pandemie-Maßnahmen eine ähnliche Infektionsverteilung verursachen müssten, kann man diesen Wert für Deutschland übernehmen. Nun hat Deutschland aber eine andere Altersstruktur. 6,8% unserer Bevölkerung sind über 80 Jahre. Im Osten sogar bis zu 8,3% (Sachsen). 6,8% von 83 Millionen sind 5,6 Millionen. Wenn davon 12,6% infiziert worden wären, hätten wir in dieser Altersgruppe 705.000 Corona-Erkrankte, von denen 14,9%, also 105045 daran gestorben wären. Jetzt noch 30% draufrechnen und wir hätten die Gesamttodeszahl: 136,558.
 
Es hätten also in Wahrheit 56000 Opfer mehr gegeben, vermutlich sogar noch etwas mehr, weil auch der Anteil der 60-80jährigen in Deutschland höher ist als in Schweden.




 
Regional, z.B. in Sachsen und Thüringen, vielleicht sogar in NRW, Bayern und Baden-Württemberg, wäre die zweite Welle durch diese ungünstige Alterspyramide und die fehlenden Lockdowns um einiges problematischer geworden. Wir erinnern uns an die drohende Triage im Januar 2021 und die Verlegung von Patienten bis an die Küste. Das war schon ziemlich knapp.
 
Schwedens Zahlen hätten in Deutschland zu wochenlangen Ausnahmezuständen in den Krankenhäusern von Mittel- und Süddeutschland geführt, mit dem Potential einer fulminanten Regierungskrise.
 
Zu guter Letzt will ich sogar noch einen draufsetzen. Völlig unbeachtet gelassen habe ich nämlich Deutschlands strukturellen Nachteil als Transitland mit neun Festlandgrenzen. Schweden hat lediglich zwei. Die Grenze zu Dänemark zählt trotz Öresundbrücke als Wassergrenze.  
 
Das Land hatte während der gesamten Pandemie gerade mal einen Monat lang ein Nachbarland (Norwegen) mit höheren Inzidenzen (05.03-02.04.).



Deutschland hatte keinen einzigen Tag die höchste Inzidenz im Vergleich zu den Nachbarstaaten. Die meiste Zeit lagen wir sogar auf dem letzten oder vorletzten Platz.


 

Hätten wir den „Erfolg“ Schwedens 1:1 kopiert, hätten wir auch die Grenzen offenlassen müssen. Lediglich die Wassergrenze zu Dänemark hatte Schweden im Dezember geschlossen, ansonsten herrschte normaler Grenzverkehr – ohne Testverpflichtung.
 
Meine These lautet also: So sehr Schweden von der guten Pandemiekontrolle seiner Nachbarn profitiert hat, so sehr hätte uns das Desaster unserer Nachbarn geschadet.
 
Wir wären - und da lehne ich mich nicht allzu weit aus dem Fenster - locker bei 160.000 Toten gelandet. Ich kann diese letzte Prognose nicht mit einer genauen Formel belegen, dafür ist der Grenzeinfluss zu komplex.
 
Es ist eine Schätzung. Aus meiner Sicht eine plausible und eine augenöffnende.
 
Schwedens günstige Voraussetzungen haben zu einer fast akzeptablen Performance geführt, nicht der Maßnahmenkatalog. Deutschland wäre gescheitert.
 
 
Damit möchte ich meinen kleinen Exkurs beenden und ziehe mich in meinen beruhigenden Schlafschaf-Kokon zurück.

 
 
Bis demnächst,
 
Andreas



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