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Alte Erde von Sven Heuchert

Abigail Rook Author
Veröffentlicht von Andreas in Rezension · 5 November 2020
Nach langer Zeit melde ich mich mit einer Rezension zurück. "Alte Erde" ist nicht das einzige Buch, das ich in den letzten Wochen gelesen habe, aber es ist eines, über das ich etwas sagen möchte.

Zuerst ein bisschen Vorgeschichte. Das Buch habe ich nicht zufällig gekauft, sondern aus Neugier. Ich wollte lesen wie jemand schreibt, der sehr von seinem Talent überzeugt ist, und, zugegebenermaßen, auch schon viele davon überzeugen konnte. Es gibt Lobpreisungen in der TAZ und im Rolling Stone. Beeindruckend.
 
Ich kenne den Autor nicht, habe mich lediglich kurz mit ihm, bzw. seinem Alter Ego, in einem Schriftstellerforum unterhalten. Es war keine nette Diskussion. Eine Meinungsäußerung von Heuchert zu einer Kurzgeschichte meiner Tochter (die sie mit zwölf geschrieben hat). Eine patzige Antwort von mir. Nun ja, Schwamm drüber. Auf jeden Fall habe ich daraufhin eine seiner Kurzgeschichten gelesen. Sie hat mir gefallen. In gewisser Weise. Sehr atmosphärisch und stilistisch richtig gut. Nur eine Handlung hat gefehlt.
 
Daher jetzt ein zweiter Versuch, Sven Heuchert kennenzulernen. "Alte Erde" ist ein vor Kurzem veröffentlichter Roman, erschienen im Ullstein Verlag. Soweit ich das richtig recherchiert habe, ist es sein zweiter. Die Geschichte ist recht kurz, so ca. 220 Seiten mit einigen Leerseiten. Gut vier Stunden Lesezeit.
 
Ich habe länger gebraucht, und dafür gibt es Gründe.

Zum einen ist da Heucherts Stil: knapp, sehr knapp. Teils nur Satzfragmente ohne Verb. Einzelne. Wörter. Unterbrochen von wörtlicher Rede ohne Ein- oder Ausleitung.

Es war anstrengend. Ich brauchte höchste Konzentration, um der Geschichte zu folgen. Er hat es (meist) aber geschafft, dass ich es trotzdem konnte. Leider hat der reduzierte Schreibstil der Geschichte auch etwas an Atmosphäre geraubt. Ich konnte nicht tief eintauchen, musste Sätze zu oft zweimal lesen, habe das Buch oft weggelegt und musste dann wieder in die Geschichte "zurückfinden".
 
Zum anderen ist der karge Text mit Fachwörtern aus der Jäger- und Landwirtschaftsbranche gespickt. Was sich anfangs authentisch anfühlt, beginnt bald zu stören. Wer diese Begriffe, so wie ich, nur vage kennt, kann sich kaum ein Bild von der beschriebenen Situation machen. Es hat meiner Lesefreude empfindlich geschadet.
 
Zu guter Letzt sind da noch die Füllwörter und -sätze. Nein, natürlich keine unnötigen Floskeln, kein hässliches "eigentlich" und kein verwässerndes "vielleicht". Das wäre nicht Heuchert. Es sind die unzähligen Erwähnungen des Rauchens, die mich gestört haben. Es kam mir so vor, als ob der Autor jedes Mal, wenn er beim Schreiben den Drang zur Zigarette verspürte, auch seinen Protagonisten eine mit anzündete. Also so ungefähr alle drei Minuten. Würde er diese Passagen rausstreichen, hätte das Buch wohl weniger als 200 Seiten, meines Erachtens aber nichts an Atmosphäre, Tiefe oder "Gravität" verloren. Zumindest beweist Heuchert damit, dass Zigaretten nicht nur Leben verkürzen, sondern auch Geschichten verlängern können.
 
Das alles hört sich nach böser Kritik an, ist aber gar nicht so negativ gemeint. Stil ist Geschmackssache. Punkt.

Logik und Plotaufbau sind es aber nicht. Und hier hapert es leider gewaltig. Das zu Beginn sehr gemächlich erzählte Sittenbild einer desillusionierten, ländlichen Unterschicht wird ohne viel Überleitung oder Spannungsaufbau zum Gemetzel. Am Ende sind fast alle tot, was mich als Leser aber kaltließ. Keiner der Charaktere war auch nur annähernd sympathisch, kaum eine Handlung oder Reaktion rational oder wenigstens emotional nachvollziehbar. Warum Thies das geklaute Geld in einer Tasche zu seinem verhassten Bruder Karl schleppte, habe ich ebenso wenig verstanden, wie dessen Reaktion auf die Entdeckung der Tasche samt Inhalt: er verbrennt das Geld. Was zunächst wie ein (juristisch dämlicher) Erziehungsversuch aussieht, wird später zu Farce, weil Karl seinem Bruder neues Geld besorgt, indem er es einem kauzigen alten Nachbarn klaut, den er dabei auch noch erschießt, und das alles, weil Thies eine Frau mitgebracht hat, die anfangs von Karl verhöhnt, dann geschlagen und am Ende beschlafen wird. Der Showdown zwischen dem Jäger (Bisch) und den Brüdern zum Schluss ist dann viel zu kurz, um zu wirken. Die Ereignisse überschlagen sich wie der Hänger mit den Schweinen, der Erzählstrang zerfasert, stolpert, verliert sich in Nebensächlichkeiten - wie dieser Satz. Zumindest beantwortete der Tumult etwas, was ich mich 180 Seiten lang gefragt habe: wer zur Hölle ist dieser Bisch und was hat er in der Geschichte verloren?
 
Wer meine Rezension aufmerksam gelesen hat wird sich nicht wundern, dass ich keine fünf Sterne vergebe.

Drei von fünf (weil ich nicht nachtragend bin und weil "Virtuose der düsteren Erzählung" schon ein schickes Kompliment ist, das ihm der Rolling Stone da gemacht hat )


Andreas











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