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Taschenspielertricks

Abigail Rook Author
Veröffentlicht von Andreas in Allgemeines · 15 Juni 2021
Tags: Covid
Twitter hat mich gepackt. Ja, ehrlich. Hätte nicht gedacht, dass mich diese 280 Zeichen Kurzprosa in den Bann ziehen kann. Es ist aber tatsächlich zu meiner derzeitigen Lieblingsbeschäftigung geworden. Hyperaktuell, pointiert, polemisch, aber auch banal, wirr, oft hysterisch. Genau, wie ich es mag.
 
Mit Facebook habe ich mich hingegen nie anfreunden können. Der anfängliche Erfolg unserer Seite dort ist nach wenigen Monaten jäh zum Stillstand gekommen. 90% der Abonnenten scheinen diese Plattform verlassen zu haben oder nur noch sehr sporadisch zu nutzen. Instagram ist auch keine Alternative. Die Bildchen-Kommunikation bleibt mir ein Rätsel, TikToks alberne Hüpferei erst recht.
 
Bei Twitter habe ich, bzw. haben wir, unsere neue Heimat gefunden. Elisabeth gefällt es etwas weniger als mir, aber sie bemüht sich Themen zu finden, die sie interessieren. Ich kann hingegen aus dem Vollen schöpfen: viel Politik, aktuell auch viel Medizin, oft gewürzt mit einer Portion Zynismus. Genau mein Ding also, was auch dazu geführt hat, dass wir in kürzester Zeit eine ordentliche Zahl an treuen Lesern und Diskussionsteilnehmern gefunden haben. Ich will nicht „Follower“ sagen, das klingt so messiashaft.   
 
Wir haben aber – oh Wunder - auch eine erstaunliche Vielfalt an sonderbaren Gestalten angetroffen. Man kommt, im Gegensatz zu Facebook, bei Twitter noch mit der „anderen Bubble“ in Berührung, vor allem am Anfang, wenn man noch auf keiner Blockliste steht. Kaum hat man mal etwas getweetet, das die Grenzen der eigenen (in der Regel viel zu geringen) Reichweite überwindet, da tummeln sich schon die Spinner, Nazis und Klugscheißer in der Timeline. Höflich bleibt es dabei selten, intellektuell unterfordernd umso öfter. Doch manchmal sind dann auch Typen dabei, die mich triggern können. Nerds mit schräger Realitätswahrnehmung und viel zu viel Zeit, zum Beispiel. Menschen wie Prof. Homburg, Frührentner aus Hannover, der sein Lebensabend mit dem Trollen von Top-Virologen und Politikern verbringt. Oder seine Hilfstruppe, bestehend aus Motivationscoachs, selbsternannten Journalisten und Random-Clowns mit „Grundgesetz“ im Profiltext.
 
Besagter Homburg hatte mich kürzlich in eine längere Twitter-Diskussion verwickelt, in der er mir mit allerlei Grafiken beweisen wollte, dass Corona auch nur so eine saisonale Grippe ist und wir in den Krankenhäusern gar nicht mitbekommen hätten, dass es eine Pandemie gibt, wenn man es uns nicht ständig eingetrichtert hätte. Eine völlig absurde Theorie, die man mit links widerlegen kann. Könnte man denken.
 
Perfiderweise zeichnen sich Nerds nun aber durch eine tiefe Einarbeitung in Nischenthemen aus, weswegen eine Gegenargumentation aus „dem Lameng“ für Nicht-Experten kaum möglich ist. So präsentierte Homburg zum Beispiel diese Grafik zu SARI Fällen in deutschen Krankenhäusern. SARI steht für severe acute respiratory syndrome, zu deutsch für schwere akute respiratorische Erkrankung der unteren Atemwege. Hierunter fallen virale, bakterielle und mykotische Lungenentzündungen, z.B. die Influenzapneumonie, aber auch COVID. Hinzu kommen auch akute Bronchitiden.




Und siehe da: die Daten und Linien sind tatsächlich verblüffend. Kein Anstieg der SARI Fälle in 2020? Abfall sogar Anfang 2021 im Vergleich zu 2018 und 19, trotz zweiter und dritter COVID-Welle? Das kann doch alles nicht sein! Das MUSS falsch sein. Eine manipulierte Grafik!
 
Wenn man das jetzt vorschnell von sich weist und auf kontra geht, dann hat er dich genau dort, wo er dich haben wollte. Die Daten stammen nämlich von der IQM (Initiative für Qualität in der Medizin), einem Zusammenschluss von Krankenhäusern aus Deutschland und der Schweiz zum gemeinsamen Qualitätsmonitoring.  Der Bericht zur Covid-Pandemie ist für jeden öffentlich einsehbar. (https://www.initiative-qualitaetsmedizin.de/covid-19-pandemie)
 
Wie kann es also sein, dass Intensivstationen am Limit sind, wenn die Krankenhausstatistik das Gegenteil behauptet? Haben wir uns am Ende die ganzen Patienten doch nur eingebildet?
 
Ich muss zugegeben, dass ich anfangs auch verwirrt war. Nicht nur wegen der Kurven. Auch, weil ich gar nicht so richtig verstanden habe, was da eigentlich womit verglichen wird. Erst nach längerem Nachdenken habe ich erkannt, dass im Verständnis der Unterschiede zwischen den verschieden SARI Formen und der Berücksichtigung der Tücken der statistischen Erhebung der Schlüssel für eine vernünftige Interpretation der Daten liegt. Und genau hier scheint Prof. Homburg deutliche Defizite zu haben. Die IQM warnt in ihrem Abschlussstatement nicht ohne Grund davor, voreilig Schlüsse aus den Daten zu ziehen. Sie distanziert sich zudem explizit von der Behauptung „Die Analysen zum Leistungsgeschehen in den IQM Mitgliedskrankenhäusern widerlegen eine COVID-19-Pandemie von nationaler Tragweite“. Hätte Prof. Homburg das mal gelesen.

Fangen wir also damit an, die Daten mit den realen Beobachtungen in Einklang zu bringen. Die erste Frage, die man stellen sollte, ist die nach der Vergleichbarkeit von COVID-19 mit anderen Virus-Pneumonien, insbesondere der Influenza-Pneumonie. Hierzu finden sich zwei interessante Sätze im Qualitätsbericht: Die Krankenhaussterblichkeit der COVID-19-Fälle lag bei 18,9% über den gesamten Zeitraum. 21,0% der COVID-19-Fälle wurden auf der Intensivstation behandelt und 15,1% wurden maschinell beatmetund „in 68,3% aller COVID-19-Fälle führte die Erkrankung zu einem SARI“.
 
Jeder fünfte Patient mit COVID-19 wurde also auf der Intensivstation behandelt und jeder siebente wurde beatmet. Das sind schon ziemlich erschreckende Zahlen, vor allem, wenn man dann auch noch die fast 19%ige Letalität bedenkt.
 
Um das Ganze besser einzuordnen, stelle ich hier eine Übersicht des RKI über die laborbestätigten Influenza-Fälle der Saison 2018 gegenüber.


Dass Homburgs These, Covid-19 sei nicht schlimmer als Influenza, großer Humbug ist, kann man aus den Daten leicht erkennen. Selbst 80+ jährige wurden nur in etwa 1% der im Krankenhaus behandelten Fälle beatmet. Nur etwa 4,4% der Alten starben an diesem Virus, insgesamt waren es sogar nur 2,1%.
 
Zudem führte Influenza 2018 nur bei 7,29% der hospitalisierten Patienten zu einer Pneumonie, also zu einem SARI. Vergleiche das mit den im IQM Bereich angegebenen 68% für COVID-19!
 
Aber Achtung. Ganz so simpel, wie ich es hier darstelle, ist es leider dann doch nicht. Die Daten des RKI scheinen sich nicht mit denen des IQM zu decken. Immerhin sind auch 2019 von 96.201 SARI-Patienten 10.091 verstorben (10,5%). Was ist der Grund für diese Diskrepanz?
 
Zum einen liegt es wohl daran, dass SARI nicht nur die Influenza-Pneumonie ist. Schwere bakterielle Pneumonien sind sehr gefährlich und haben eine hohe Letalität. Zum anderen gibt es auch bei diesen beiden Tabellen ein Vergleichbarkeitsproblem. Wir wissen lediglich, dass 2,15% aller Influenza-Patienten starben. Wieviel Prozent der Patienten, die eine Influenza-Pneumonie entwickelten, also die Definition SARI erfüllen, das Virus nicht überlebten, können wir aber nicht herauslesen. Vermutlich nähert sich das den 10% des IQM.
 
Es gibt auch noch eine andere Übersichtstabelle aus den Epidemiologischen Bulletin des RKI, die wir uns anschauen sollten.



 
Bei erneutem Vergleichbarkeitsproblem mit den Influenza-Daten fallen hier zwei Dinge ins Auge: Intensivpatienten (der 1. Welle)  blieben mit SARI-COVID deutlich länger im Krankenhaus (16 Tage im Median) als SARI Fälle aus den Grippewellen 2015-2019 (13 Tage) und die Beatmungsdauer eines COVID Patienten war mit 10 Tagen 2,5 mal so lang wie die von SARI Patienten der früheren Grippewellen.
 
Letzter Umstand ist für die Erklärung der hohen Belastung von Intensivstationen während der COVID Wellen trotz Vergleichbarer Gesamtfallzahlen zu den Vorjahren entscheidend. Zur Verdeutlichung habe ich mal jeweils 10 beatmungspflichtige Patienten mit SARI-COVID und SARI-GW virtuell auf ITS aufgenommen. Jeweils ein Patient pro Tag. Hier seht ihr die Belegung der Station, wenn jeder SARI-COVID Patient 10 Tage und jeder SARI-Grippe Welle 4 Tage beatmet wird.



Man sieht: in der Spitze liegen 10 COVID Patienten auf der ITS, aber nur 4 Patienten während typischer Grippewellen. Außerdem ist die „Welle“ 46% breiter. Mit der gleichen Anzahl an SARI Fällen belastet man die ITS in der Spitze somit um deutlich mehr als um das Doppelte!
 
Zum Abschluss (ja, ich mach’s kurz, sonst liest das hier keiner zu Ende) noch der Kinnhaken für Prof. Homburg.
 
Im Erklärungsteil zu den Daten des RKI liest man diesen Satz: „Betrachtet wurden nur Patienten im Alter von 15 Jahren oder älter“. Was will ich damit sagen? Nun, Herr Homburg hat mir die entsprechende Grafik selbst geschickt:


Sie ist ebenfalls aus einem RKI Bericht über die SARI Fälle in den Jahren 2018-2021. Er wollte mir damit beweisen, dass die COVID-Pandemie nichts anderes als die üblichen Grippewellen sei. Gezeigt hat er mir aber vor allem: COVID ist ganz anders.
 
SARI der Vor-Corona Zeit war vor allem eine Erkrankung der Kinder! Ca. 40% der Fälle fielen auf die unter 15-jährigen! Das RKI hat das gemerkt und die Kinder ausgeschlossen, weil es die Statistik verzerrt, denn Kinder werden sehr oft nur zur „Überwachung“ hospitalisiert, müssen nur ganz selten auf die ITS und noch viel seltener beatmet werden, weil sie meist Kinderpneumonien wie Hämophilus influenzae, Pneumokokken und Rhinovirus-Bronchitiden haben.
 
Corona, bzw. die Präventionsmaßnahmen der Bundesregierung gegen dieses Virus, haben den großen Kinderanteil der SARI Patienten quasi auf Null gedrückt. Der „Rückgang“ der SARI Fallzahlen im Vergleich zu den Vorjahren ist somit gar keiner, sondern eher eine massive Verschiebung in die älteren Jahrgänge. Im Qualitätsbericht des IQM wird dieser Umstand aber nicht berücksichtigt. Würde man das nachträglich machen, sähe die Kurve von Homburg so aus:


Schon deutlich realitätsnäher, oder? Zumindest die Kolleg*innen in den Krankenhäusern werden mir zunicken. Covid ist keine Grippe und das letzte 1 ½ Jahr war keine normale Grippesaison. Nicht mal annähernd. Wir hatten in den Krankenhäusern viele Probleme, vor allem, weil die ITS Kapazität deutliche eingeschränkt war. Wer aufmerksam gelesen hat, weiß jetzt, woran das liegt. Dieselbe Anzahl an Patienten bzw. Fällen bedeutet nicht zwangsläufig dieselbe Belastung. Man kann auch nicht die Zahl der offenen Bauchspeicheldrüsen-OPs mit denen der kleine Wundeingriffe vergleichen. Das eine dauert Stunden, das andere nur ein paar Minuten.
 
Homburg versucht es trotzdem, ob aufgrund von Unkenntnis oder weil er eine Agenda verfolgt. Man weiß es nicht.   
Ich habe in diesem kurzen Text natürlich nicht alle Ungereimtheiten auflösen können. Man findet aber für nahezu alles plausible Erklärungen. Z.B. ist der Rückgang der Beatmungen auf ITS sehr gut mit den fehlenden „Nachbeatmungen“ nach OP zu erklären. Ja, wir haben viele OPs verschoben und abgesagt. Und nein, die erste Tabelle zeigt nicht die intensivpflichtigen und beatmeten SARI-Patienten, sondern alle ITS-Patienten und Beatmungen. Warum die Statistiker der IQM das nicht vernünftig aufgeschlüsselt habe, ist mir ein Rätsel. Herrn Homburg freut es. Eine Nebelkerze mehr.
 
Covid ist keine Grippe.
 
Punkt.
 
Andreas



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